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Wie vielfältig muss ein Büro künftig sein?

Unternehmen stehen vor einer neuen Herausforderung: Wie können sie die gesellschaftliche Forderung nach Vielfalt und Inklusion in ihre Unternehmenskultur integrieren − und die Arbeitsplätze entsprechend gestalten?

November 30, 2021

Der Weg führt zum Beispiel über gestaltete Räume für Stillende, über abgeschiedene Bereiche für die Ausübung einer Religion oder geschlechterneutrale, individuell ausgestattete Toilettenanlagen. Reflexionsräume für ältere Kolleginnen und Kollegen oder eher introvertierte Charaktere bieten Rückzugsorte. Flexible Beleuchtungs-, Temperatur- oder Akustikkonzepte ermöglichen den Mitarbeitern, im Arbeitsalltag auf individuelles Empfinden einzugehen. Die Reise in eine inkludierende Zukunft kann auch mit kleineren und doch wirkungsvollen Schritten wie der Einführung einer inklusiven Sprache, einschließenden Büro-Beschilderungen und einem vielfältigen Speisen- und Getränkeangebot beginnen. Aber lohnt sich das? Oder geht dies zu weit?

ESG, D&I bzw. Diversität und Inklusion sind gesellschaftliche Diskurse unserer Zeit, die in unseren Alltag, auch unseren Büroalltag, Einzug nehmen werden. Unsere Gesellschaft ist vielfältig. „Die Mitarbeitenden erwarten zunehmend eine wertschätzende Arbeitskultur, Akzeptanz und Toleranz, kulturelle Sensibilität und die Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten und Talente einzubringen und weiterzuentwickeln“, formuliert Marco Huber, Lead Workplace Strategy DACH bei JLL. „Es geht ihnen auch um ein gutes „Büro-Gefühl“. Wir nennen es Arbeitsplatzerlebnis, Workplace Experience (WX).“ Dort, wo Menschen unterschiedlicher Generationen, Kulturen oder Herkunft ihren individuellen Beitrag leisten können, entsteht eine moderne, offene und „inklusive“ Unternehmenskultur, von der Angestellte und Firmen profitieren: Vielfalt ist auch Nährboden für Innovationskraft. Divers zusammengesetzte Teams bringen unterschiedliche Sichtweisen ein, entwickeln gemeinsam kreativere Ideen und Lösungen, kommen oft sogar schneller zu Ergebnissen und führen zu innovativen Produkten und Dienstleistungsansätzen. Wer auf eine vielfältige Belegschaft setzt und Zeit und Geld investiert, um Diversität und Inklusion innerhalb der Organisation konsequent und authentisch Raum zu geben, legt einen wichtigen Grundstein für die Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens.

Die Firmen können hierfür jetzt die Weichen stellen und den Rahmen gestalten. Dies beginnt mit einer D&I-Strategie und führt weiter zu der Frage, ob die Arbeitsplatzgestaltung mit dieser Strategie übereinstimmt und Diversität und Inklusion unterstützt. Die Stellschrauben, an denen sie drehen können, um eine Veränderung vorzunehmen, sind vielzählig. JLL zum Beispiel hat eine Zertifizierung entwickelt, die alle Aspekte von DIB (Diversity, Inclusion und Belonging) für den Arbeitsbereich umfasst und eine Struktur für die Zertifizierung und eine Grundlage für die kontinuierliche Verbesserung bietet.

Welche Aspekte von Vielfalt, Integration und Zugehörigkeit Unternehmen für ihre Arbeitsbereiche konkret berücksichtigen können, erläutert Leonie Kosin, Associate Workplace Strategy bei JLL: „Allem voran: die physische Zugänglichkeit zu allen Arbeitsbereichen, Räumen und Hilfsmitteln − unabhängig von der körperlichen oder geistigen Verfassung der Nutzer. Neben Barrierefreiheit, die oft − aber noch lange nicht in allen Büros − gegeben ist, umfasst der Aspekt auch die Berücksichtigung von veränderten Lebensrhythmen oder Leistungsschwankungen. Weiter leisten eine integrative und geschlechtsneutrale Gestaltung des Arbeitsumfeldes oder die Berücksichtigung der Bedürfnisse verschiedener Generationen, Ethnien und Kulturen einen wertvollen Beitrag zu einem integrativen Arbeitsplatz. Bietet das Unternehmen älteren Beschäftigten zusätzliche Ruhezeiten und -räume oder alternative Arbeitszeitmodelle? Nimmt ein Unternehmen bei der Urlaubsplanung Rücksicht auf Feiertage unterschiedlicher Religionen oder spiegelt es religiöse Bräuche in Speiseplänen? Die Übernahme von sozialer Verantwortung und Maßnahmen, die die Gleichberechtigung der Geschlechter abbilden, tragen ebenfalls dazu bei, dass ein Unternehmen im Arbeitsalltag Raum für Vielfalt und Integration bietet." 

Firmen, denen es gelingt, Unternehmenskultur sowie Büros anzupassen und eine integrative Umgebung zu gestalten, damit niemand im Team einen wichtigen Teil seiner Persönlichkeit im Arbeitsumfeld verbergen muss, begünstigen nicht nur ein positives Arbeitsplatzerlebnis, Innovation, gesteigerte Produktivität und höhere Mitarbeiterzufriedenheit. Sie verschaffen sich dadurch auch einen Vorsprung im Wettbewerb um die besten Talente. Für viele aus der Gruppe der Millennials sind diese weichen Faktoren sogar ausschlaggebend für die Wahl ihres Arbeitgebers.

 

Marco Huber,Lead Workplace Strategy DACH & CEE
Marco Huber
Lead Workplace Strategy DACH & CEE
Leonie Kosin,Consultant Workplace Strategy
Leonie Kosin
Consultant Workplace Strategy

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