Jahresbericht 2008
Die Weltwirtschaft steht vor sehr mageren Jahren. Die Krise wird wahrscheinlich doch tief-greifender, als wir lange Zeit wahrhaben wollten. Vor einem Jahr hatten wir es noch mit einer reinen
Finanzkrise zu tun. Inzwischen sind die Aufträge in der Industrie und auch im Dienst-leistungssektor regelrecht eingebrochen. Leute berichten mir aus Firmen, dass sie trotz Kurzarbeit die halbe Zeit
untätig herumstehen müssten. Der Freisinn ist gefordert. Einst glänzte er in Wirtschafts- und Finanzfragen mit Kompetenz und Präsenz. Davon ist nicht mehr viel zu spüren. Sogar die FDP-Vertreter in
der Landesregierung hinterlassen derzeit einen mehr als zwiespältigen Eindruck. Wir Langenthalerinnen und Langenthaler können dies nicht ändern - jedenfalls nicht alleine, und nicht in Langenthal.
Aber wir können unsere Stimme einbringen und müssen dies tun. Dasselbe gilt für einen anderen Problemkreis: Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle das Verhältnis zur SVP kritisch beleuchtet. Meine
damaligen Gedanken sehe ich heute bestätigt, ich werde in der Wahlanalyse darauf zurückkommen. Der SVP-Dampfer schlingert derzeit gehörig, und für den Freisinn ist es fast tröstlich zu sehen, dass
sich auch andere Parteien in Richtungs-diskussionen verzetteln und sogar auseinanderbrechen. Doch diese Entwicklung birgt für uns nebst Chancen auch grosse Risiken. Einerseits könnte mit der BDP für
den Freisinn wieder ein verlässlicher Partner im bürgerlichen Lager heranwachsen. Andererseits fischt diese BDP viele Wählerstimmen auch und gerade im freisinnigen Teich. Mit der BDP als
Mitbewerberin wird es deshalb in Zukunft mit Sicherheit noch härter werden, die Wähleranteile zu verteidigen.
In Langenthal hatten wir dieses Dilemma zum Glück noch nicht. Der Freisinn hat in Langenthal letzten Oktober die Wahlen gewonnen. Dies ist die erfreuliche Nachricht. Trotzdem waren auch bei uns am
Wähler-Horizont bereits dunkle Wolken in Sicht, wenn auch von einer andern Seite: Die Grünliberalen geniessen in der Bevölkerung viel Sympathie und holten auf Anhieb zwei Sitze im Langenthaler
Parlament. Wir Jungliberale blicken mit gemischten Gefühlen auf die Wahlen zurück. Einerseits können wir stolz und zufrieden sein: Der Wähleranteil bei den Stadtratswahlen konnte erneut gesteigert
werden, und zwar von 5,5 auf 5,8 Prozent. Dies ist das beste Ergebnis seit 1996, als mit der heutigen FDP-Grossrätin Katrin Zumstein und dem späteren populären FDP-Gemeinderat Werner Meyer als
Zugpferde 6,3 Prozent der Langenthalerinnen und Langen-thaler ihre Stimme den Jungliberalen gaben. Gleichzeitig ist es das zweitbeste Resultat in der Geschichte unserer 1971 gegründeten Partei. Die
beiden Stadträte Mirko Hegi und Patric Oppong wurden mit 682 und 668 Stimmen klar bestätigt. Auf dem ersten Ersatzplatz landete der Schreibende mit 554 Stimmen. Auf den nächsten Plätzen müssten -- im
Fall zweier Rücktritte -- Lukas Felber und Adrian Dinkelmann das Los ziehen, beide erzielten exakt je 304 Stimmen.
Auch in den Gemeinderatswahlen gehört der Freisinn zu den Siegern: jll und FDP konnten ihre beiden Gemeinderatssitze allen Unkenrufen im Vorfeld zum Trotz problemlos verteidigen. Christine Bobst
wurde glanzvoll und mit einem sehr guten Resultat wiedergewählt, und die FDP brachte neu den erfahrenen Rolf Baer in die Stadtregierung. Damit erwies sich die Strategie als richtig, selbständig in
die Wahlen zu steigen und einer Listenverbindung mit der SVP sowohl bei den Stadt- als auch bei den Gemeinderatswahlen eine Absage zu erteilen. Dieser Entscheid, im Vorfeld von älteren Freisinnigen
kritisiert, ermöglichte ein eigenständiges, selbstbewusstes Auftreten im Wahlkampf und stellte letztlich einen wichtigen Faktor für den Erfolg dar.
Weshalb nun also die erwähnten „gemischten Gefühle“? Der Blick auf die Wähleranteile und die Panaschierstatistik lässt erkennen, dass die Grünliberalen eine grosse Gefahr darstellen. Die erst im
August in Langenthal gegründete glp erreichte auf Anhieb 4,85 Prozent Wählerstimmen und holte damit zwei Sitze im Parlament - gleichviele wie wir. Gleichzeitig gewannen auch die Grünen klar. Die
Grünen holten ihre Stimmen bei der SP, welche 5 Prozent einbüsste. Die glp holte die Stimmen im freisinnigen Wählersegment. Was für ein Resultat wäre für FDP und jll ohne die glp möglich gewesen? Die
SVP ist in Langenthal im Krebsgang, die BDP (noch) nicht gegründet. Die Einschätzung dürfte zutreffen, dass ohne glp die jll einen dritten Sitz, und die FDP nebst einem neunten mit Proporzglück sogar
einen zehnten Sitz gewonnen hätte. Dies hätte für die freisinnige Fraktion ein Rekord-Ergebnis bedeutet...! Der Gedanke daran führt sofort zur Frage, was jll und FDP zusätzlich hätten unternehmen
können, um die sehr kurzfristige Teilnahme der Grünliberalen an den Wahlen noch zu verhindern. Oder anders gesagt: Wäre es möglich gewesen, den einen Kandidaten oder die andere Kandidatin der glp,
die sich altersmässig noch im jll-Einzugsbereich befinden, früher abzufangen und auf die jll-Liste zu holen? Dieses Gedankenspiel hat meine Freude über den Wahlerfolg etwas gedämpft. Vorallem aber
unter-mauert diese Erfahrung meine nachdrückliche Warnung, meine Einschätzung, die ich bereits vor Jahresfrist im Jahresbericht 2007 betont habe: Der Freisinn muss in Zukunft Natur und Umwelt viel
stärker zum Thema machen -- gerade auch in der Verkehrspolitik -- und selbst aufzeigen, dass Ökonomie und Ökologie keine sich widersprechenden Begriffe sind. Hier ist die nationale FDP gefordert.
Ihre Politik hat mehr als früher Auswirkungen auf das Wahlverhalten auf kommunaler Ebene. Verschläft der Gesamt-Freisinn diesen Trend noch länger, werden die Grünliberalen die Jungliberalen bei den
nächsten Wahlen überholen. Die Gefahr ist erkannt, aber sie ist noch nicht gebannt.
In den Wochen und Monaten nach den Wahlen konnten wir keineswegs zurücklehnen und uns ausruhen. Die Kommissionssitzverteilung musste vorgenommen werden. Zahlreiche Absprachen mit der FDP waren nötig,
denn eine vereinigte „Front der Wahlverlierer“, bestehend aus SP, SVP und EVP, missgönnte uns den Erfolg und versuchte, der FDP und uns bei der Verteilung der Kommissionssitze ein Bein zu stellen.
Fairness und Anstand gerieten dabei zeitweise in Vergessenheit. Unglaublich fand ich, dass gewisse Agitatoren aus den erwähnten Parteien tat-sächlich versuchten, FDP und jll, namentlich auch den
FDP-Präsidenten Ruedi Lanz, in der Presse und Öffentlichkeit als Unruhestifter und Querschläger darzustellen und damit sogar teilweise Erfolg hatten. Die Kommissionssitzverteilung war nach meiner
Einschätzung ein Trauerspiel und hat meine Bereitschaft und Lust, mit gewissen Persönlichkeiten aus den erwähnten Parteien politisch zusammenzuarbeiten - beispielsweise in unserem Kerngebiet
„Märitgasse“ - nachhaltig gemindert.
Nun will ich aber von erfreulicheren Thememn sprechen. Nach dem Grosserfolg des kurz vor der letzten HV durchgeführten Anlasses zum Thema „Sicherheit an der Euro 08“ war unserem nächsten
Diskussionsabend etwas weniger Erfolg beschieden. Obschon die Wahlen bevorstanden, fanden nicht mehr als 30 Personen den Weg zum Anlass „Sauberkeit und Sicherheit auf Langenthals Schulwegen und
öffentlichen Plätzen“. Die Debatte war spannend und das Echo der Anwesenden positiv. Trotzdem müssen wir uns fragen, weshalb wir es in Langenthal nicht schaffen, für einen solchen Anlass mindestens
50 Zuhörer zu mobilisieren. An dieser Stelle sei nochmals das grosse Engagement von Christine Bobst verdankt, welche diese Veranstaltung fast im Alleingang organisierte.
Ich darf hier feststellen, dass wir im Wahlkampf den Aufwand sowohl in persönlicher wie in finanzieller Hinsicht nicht gescheut haben. Wir führten Strassenaktionen durch, verteilten Backwaren und
nahmen mehrere Versände vor. Unsere Werbung mit einem sehr schönen Prospekt, einer Anzeiger-Beilage und zahlreichen Inseraten wurde gut aufgenommen, hat aber auch etwas gekostet. Dies hat sich, wie
berichtet, gelohnt. An dieser Stelle möchte ich nochmals allen danken, die für diese Wahlen am Karren gezogen und tatkräftig mitgeholfen haben. Ein Merci gebührt vor allen unseren 20 Kandidatinnen
und Kandidaten auf der Stadtratsliste. Nicht zu vergessen sind jene Personen und Firmen, die uns finanziell unterstützt haben. Ein stolzer Betrag an Spenden ging ein, auch dadurch wurde wie angetönt
unser aktiver und erfolgreicher Wahlkampf erst ermöglicht.
Ein eher kurioses Wahlkampfgeplänkel war die letzten August erhobene Forderung der SP, wegen des Kredits für die Public-Viewing-Zone während der Euro 08 eine Sonderprüfung durch-zuführen. Die jll
haben hier sofort klar Stellung bezogen, wofür ich nur positives Echo gehört habe. Auch wenn der Gemeinderat möglicherweise formell nicht hundertprozentig korrekt gehandelt hat, war sein Entscheid im
Interesse der Sache richtig und auch verhältnismässig. Von einer Regierung erwarten wir ja, dass sie nötigenfalls rasch und angemessen handelt. Der Gemeinderat hat dies in diesem Fall gemacht, dafür
haben wir ihn auch gelobt. In anderen Fällen, beispielsweise bei den von den SBB gekappten Spätverbindungen nach Bern und Zürich, hätten wir uns ebenfalls eine raschere und vor allem mutigere
Reaktion erhofft. Ein rasches Vorgehen erwarten wir vom Gemeinderat auch in Sachen Stadttheater-Sanierung. Nachdem sich sämtliche Parteien für die Auslagerung des Theaters in eine Stiftung
ausgesprochen hatten, ist der Gemeinderat überraschend auf seinen Entscheid zurückgekommen und will das Stadttheater nun doch in Eigenregie renovieren. Wir können auch damit leben, die Hauptsache ist
nur, dass es nicht nochmals zehn Jahre dauert, bis etwas passiert.
Vorwärtsgemacht wurde auch in unseren eigenen Reihen. Gleich an drei Hochzeiten waren wir Jungliberale im Jahr 2008 eingeladen. Erika Fässler -- nun Rodriguez -- Mirko Hegi und Roland Bader schlossen
alle den Bund der Ehe. Ihnen allen sei nochmals für die Einladung gedankt, wir wünschen auch an dieser Stelle nochmals nur das Beste und freuen uns mit Erika über baldigen jll-Nachwuchs.
Mit dem bereits etwas älteren Nachwuchs beschäftigten wir uns auch im vergangenen Jahr wiederum im Rahmen des Schulprojekts der Oberaargauer Jungparteien. Acht Schulbesuche standen auf dem Programm,
ich danke den -- leider wenigen -- Mitgliedern sehr, die mich bei der Bewältigung dieser meist sehr interessanten und teils auch vergnüglichen Schulstunden unterstützt und entlastet haben.
Unser Expo-Kreisel hat ein Facelifting nötig. Aus diesem Grund haben wir im Wahlherbst einen Wettbewerb lanciert, bei dem die Leserinnen und Leser des Langenthaler Tagblattes unter drei verschiedenen
Varianten für einen Neuanstrich auswählen konnten. Gegen 150 Antworten gingen ein, die Variante „Wasserwellen“ hat sich dabei klar durchgesetzt. Die Siegerinnen des Wett-bewerbs wurden geehrt, nun
steht noch die Umsetzung bevor, auch hier liegt die Federführung bei unserer Gemeinderätin Christine Bobst.
Weiterhin kümmern sich Christine Bobst und Adrian Dinkelmann neben allen anderen Verpflichtungen für die Partei um unsere Homepage, auch dafür danke ich herzlich.
Zum Schluss möchte ich dem gesamten Vorstand herzlich danken für sein Engagement und seine Mitarbeit. Abgesehen von der dauernden Schwierigkeit, Sitzungstermine zu finden, die allen passen, haben wir
auch im vergangenen Jahr in einem guten Klima und konstruktiv gearbeitet.
Ebenfalls herzlich danken möchte ich der FDP Langenthal, speziell dem Präsidenten Ruedi Lanz der Vizepräsidentin Beatrice Lüthi. Die Zusammenarbeit klappt nach meinem Empfinden weiterhin
hervorragend, wir fühlen uns wohl mit unserem „grossen Bruder“.
Der Präsident: Pascal Dietrich
